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Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen - Pascal Fauliot - ISBN 978-3-442-21621-5

Die Kunst der weichen Hand

Der Legende zufolge war der Erneuerer von Quanshu, der Kunst des Faustkampfes, und Erfinder des “inneren” Stils* ein daoistischer Asket mit dem geheimnisvollen Namen Zhang Sanfeng, Meister der Drei Bergspitzen. Als Erbe einer tausendjährigen Tradition, die er wieder aufgenommen und modifiziert haben soll, gilt dieser Weise als Urheber des Wudangshu, der Kunst aus dem Wudang-Gebirge. Diese “Kunst der weichen Hand” ist vermutlich der Vorläufer des Tai Chi Chuan.
Tai Chi wird oft einfach als therapeutische Gymnastik aufgefasst. Doch der Schein trügt: Jahrelang werden Bewegungen zwar sehr langsam ausgeführt, mehr als ein gefürchteter Kämpfer musste aber schon bitter bereuen, sich mit einem Meister des Tai Chi angelegt zu haben. Das Geheimnis dieser Kunst findet sich schon in ihrem Namen angedeutet, der sich aus folgenden Begriffen zusammensetzt: “Faustkampf” (Chuan), “das Höchste” bzw. “Äußerste” bzw. “der First” (Chi), “sehr” bzw. “aller-” (Tai). Man kann also mit “Faustkampf des Allerhöchsten” bzw. “des Alleräußersten” übersetzen. Als wahrhafter Weg der daoistischen Alchemie bietet das Tai Chi Chuan dem geduldig Suchenden einen Schlüssel zum Wissen um die Energien. Von daher also eine gewisse Unverwundbarkeit….. unter der Bedingung, dass man sich stets an die Botschaft eines weiteren Namens erinnert, den man dieser Kunst gegeben hat: “Kampf gegen den eigenen Schatten.”

*Die “inneren” Stile bildeten sich in China heraus und gehören Chinas angestammter Religion, dem Daoismus, an. Die “äußeren” Stile sind im Zusammenhang mit dem Buddhismus entstanden, der von “außen” (Indien) nach China importiert wurde (Anm. d. Übers.). Quelle: Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen.

Der Meister der Drei Bergspitzen

Zhang Sanfeng, der Meister der Drei Bergspitzen, war von hoher Statur, schlank und hatte eine robuste Konstitution. Er war von Furcht erregendem Aussehen: Sein Gesicht wirkte zugleich rund und eckig, sein struppiger Bart glich einem Wald von Hellebarden. Ein Haarknoten thronte auf seinem Kopf. Trotz seiner Respekt einflößenden kriegerischen Gestalt strahlte sein Blick allerdings Sanftmut und Güte aus.
Sommer wie Winter trug er das gleiche Gewand aus geflochtenem Bambus und hatte meistens einen Fliegenwedel aus Rosshaar bei sich.
Von Wissensdurst geprägt, verbrachte er den größten Teil seines Lebens auf Reisen in den Gebirgen von Sichuan, Shanxi und Hubei. Er besuchte die Zentren daoistischer Weisheit, wanderte von einem Kloster zum nächsten und übernachtete in schwer zugänglichen Heiligtümern und Tempeln an steilen Abhängen. Schon früh war er von daoistischen Meistern in Meditationstechniken unterwiesen worden. Wo er hinkam, studierte er die heiligen Bücher und erforschte unermüdlich die Geheimnisse des Universums.

Eines Tages - er hatte bereits mehrere Stunden in völliger Stille meditiert - hörte er einen wunderbaren, geradezu übernatürlichen Gesang. Als er sich umschaute, fiel sein Blick auf einen Vogel, der auf einem Zweig saß und aufmerksam den Boden beobachtete. Zu Füßen des Baumes hatte eine Schlange ihren Kopf zum Himmel hoch aufgerichtet. Die Blicke des Vogels und der Schlange trafen sich, die beiden starrten einander an. Plötzlich flog der Vogel mit einem durchdringenden Geschrei auf die Schlange zu und fing an, mit seinen Krallen und seinem Schnabel auf sie einzuhacken. In verwirrenden Wellenbewegungen und mit unglaublicher Eleganz wich die Schlange den brutalen Angriffen des Vogels aus. Erschöpft von seinen vergeblichen Angriffen, zog sich der Vogel auf seinen Ast zurück, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann griff er aufs Neue an. Doch wieder führte die Schlange ihren kreiselnden Tanz auf - der sich mehr und mehr in einen Wirbel unfassbarer Energie verwandelte.
Der Überlieferung zufolge inspirierte diese Szene Zhang Sanfeng bei der Erfindung des Wudangpai, dem Stil der “weichen Hand”, der nach weiterer Ausarbeitung durch mehrere Generationen von daoistischen Kampfkünstlern schließlich zum Tai Chi Chuan wurde.
Deshalb haben die Bewegungen des Tai Chi weder Anfang noch Ende. Sie sind schmiegsam wie ein Seidenfaden, und sie fließen ununterbrochen wie die Wasser des Yangzi. Quelle: Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen.

Das Gesetz des Gleichgewichts

Anfang des 20. Jahrhunderts wollte ein Europäer, der in Japan zu tun hatte, die Gelegenheit nützen, die berüchtigte Kampfkunst Jujutsu zu erlernen. So wandte er sich an einen berühmten Lehrer.
Doch auch nach der dritten Stunde war er noch in keinerlei Kampftechnik unterrichtet worden. Er hatte vielmehr immer wieder sehr langsame Bewegungen konzentriert durchführen müssen. Etwas enttäuscht fragte er also seinen Meister: “Entschuldigt, aber seitdem ich bei Euch bin, habe ich noch keine Übung gemacht, die auch nur entfernt etwas mit einer Kampfhandlung zu tun hatte.”
“Setzt euch bitte”, antwortete der Meister nur. Nachlässig setzte sich der Euopäer auf den Tatami; ihm gegenüber nahm der Meister Platz. “Wann werdet ihr damit beginnen, mich in Jujutsu zu unterrichten?” Lächelnd entgegenete der Meister: “Sitzt ihr gut?” “Ich weiß nicht, gibt es eine bestimmte Art, gut zu sitzen?” Als Antwort zeichnete der Meister mit seiner Hand seine eigene Sitzhaltung in die Luft, der Rücken gerade, der Kopf als Verlängerung der Wirbelsäule. “Hört, Meister”, fuhr der Europäer fort, “ich bin nicht zu euch gekommen, um sitzen zu lernen.” “Ich weiß”, sagte der Meister geduldig, ” ich weiß, ihr wollt lernen zu kämpfen. Aber wie wollt ihr kämpfen, ohne über einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn zu verfügen?” “Ich sehe wirklich nicht den Zusammenhang zwischen dem Sitzen und dem Kämpfen.” “Wenn ihr nicht einmal im Sitzen, das heißt in der einfachsten Haltung überhaupt, euer Gleichgewicht halten könnt, wie wollt ihr es dann in den unterschiedlichen Situationen des Lebens bewahren, ganz zu schweigen vom Kampf?”
Während er dies sagte, näherte er sich seinem erstaunten Schüler und schob ihn sanft an. Der Europäer kippte einfach um. Daraufhin forderte der Meister, immer noch sitzend, seinen Schüler dazu auf, ihn umzustoßen. Der schob seinen Meister zunächst sanft mit einer Hand an, dann mit zwei Händen, um sich schließlich mit aller Kraft gegen den Meister plötzlich sachte sein Gewicht, woraufhin der andere nach vorne kippte und der Länge nach auf dem Tatami landete. Lächelnd erklärte der Meister: “Ich hoffe, ihr beginnt die Bedeutung des Gleichgewichts zu erkennen.” Quelle: Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen.

Ein Sprengsatz mit Zeitzünder

Vor ein paar Wochen erst war ein Experte des chinesischen Boxkampfes in ein kleines, entlegenes Dorf gezogen, da zeigte sich schon, wie er die Furcht der Bauern vor seiner Stärke genoss. Wie der Lehnsherr benahm er sich. Am besten gefiel ihm, dass niemand wagte, ihm zu widersprechen oder seinen Weg zu kreuzen, bis er eines Tages auf seinem Spaziergang einem alten Männlein mit weißem Bart begegnete. Der Alte machte keine Anstalten, ihm aus dem Weg zu gehen, sondern lief einfach ruhig vor ihm weiter. Seiner Überlegenheit sicher, versuchte der Boxkämpfer den Alten wegzustoßen. Doch geschickt wich der Greis aus und der Boxkämpfer traf nur ins Leere. Da warf sich der Boxer wütend auf den Alten, um ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen. Im folgenden Handgemenge versuchte der Alte notdürftig, die Schläge abzuwehren - und einmal gelang es ihm sogar, die Brust des Grobians zu berühren. Letztlich setzte sich der junge Mann durch, und der Alte landete im Staub. Zufrieden mit seiner Prügelstrafe, ließ der Champion den Alten, der sich nicht rührte, einfach liegen. Sobald sich der Grobian entfernt hatt, öffnete der Greis ein Auge, dann das zweite. Schließlich sprang er auf, klopfte sich ein wenig den Staub von den Kleidern und verließ ruhgen Schrittes das Dorf.
Je mehr Tage vergingen, desto schlechter fühlte sich der Boxkämpfer. Sein Körper kam ihm schwach vor, Atmung und Verdauung machten ihm Probleme, und immer häufiger plagten ihn Kopfschmerzen. Der Tag kam, da blieb er, von Fieber geschüttelt, im Bett liegen. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich zu erheben, und konnte kaum noch sprechen.
Lange dachte er nach. Schließlich schien ihm nur eine Erklärung für seinen Zustand plausibel: Der leichte Schlag des Alten gegen seine Brust hatte vielleicht ein Energiezentrum getroffen. Möglicherweise hatte der Schlag seine Wirkung getroffen. Möglicherweise hatte der Schlag seine Wirkung mit einer Verzögerung entfaltet. Schließlich musste er erkennen, dass ihm der Alte eine Lehre erteilt hatte. Ihm wurde klar, wie sehr er sich vom Äußeren hatte täuschen lassen und wie sehr er in der Illusion seiner eigenen Stärke gelebt hatte. Von Reue erfasst, ließ er nach dem Atem schicken, um ihn für sein verfehltes Verhalten um Entschuldigung zu bitten. Er wollte ihm dafür danken, dass er ihm die Augen geöffnet hatte.
Der Greis, der nahe des Dorfes als Einsiedler lebte, zögerte nicht zu kommen. Gerührt von der Reue des jugendlichen Strolches, beschloss er, ihn eigenhändig gesund zu pflegen. Nach einigen Sitzungen Shiatsu (Akupunktur mit den Fingern) und einer Behandlung mit Heilkräutern war der junge Mann wieder auf den Beinen. Von wahrem Wissensdurst beseelt, bat der junge Mann den Alten, ihn als seinen Schüler zu akzeptieren.
So blieb er bis zum Tod seines Meisters in der Einsiedelei. Und als er in sein Dorf zurückkehrte, war die Reaktion der Bewohner nicht mehr Furcht, sondern friedliche Anerkennung. Quelle: Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen.

Wer sich beugt, wird wieder aufgerichtet werden.
Wer nachgibt, wird ganz bleiben.

Nichts ist weicher als das Wasser.
Doch gilt es, das Harte und Starre zu besiegen.
Bleibt es unübertroffen.

Starrheit führt in den Tod.
Flexibilität führt zum Leben.

Quelle: Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen.

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